Neujahrsempfang 2018

Der Meister ist genauso viel wert wie der Master

39. Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Mittelholstein

Frei, humorvoll und durchaus zugespitzt - so sprach Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz vor Handwerkern, Politikern und Wirtschaftsfunktionären. Der Politiker war prominenter Gast auf dem Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Mittelholstein am vergangenen Sonnabend im Vitalia Seehotel in Bad Segeberg. Moderiert wurde die Veranstaltung von Carsten Kock.

Vor rund 200 Gästen warnte Buchholz davor, in Zeiten einer anhaltend guten Konjunktur wichtige Entscheidungen für die Zukunft zu versäumen. Wenn die Wirtschaft brummt und die Auftragsbücher voll sind, stelle gerade das eine sehr schwierige Phase dar: "Weil man sich dann voll auf das operative Geschäft konzentriert - und nicht die Weichen stellt für Probleme, die sich am Horizont auftun", sagte er. Doch genau darauf komme es nun an. Beispielsweise müsse beim Fachkräftemangel wirksamer gegengesteuert werden als bisher. Studieren sei nicht der "allein glücklich machende Weg" nach dem Abitur - um diese Einstellung zu fördern, müsse bei Gymnasiasten mehr Praxisbezug geschaffen werden. Denn: "Der Meister ist genauso viel wert wie der Master", sagte Buchholz.

Mehr Kenntnis über das Handwerk als attraktive Alternative zum Studium wünscht sich auch Kreishandwerksmeister Michael Kahl bei Schülern, Eltern und Lehrern. Und zwar verbindlich, mit Berufsorientierung als festem Bestandteil des Lehrplans. Das Handwerk habe derzeit kein Image als guter Arbeitgeber. "Das müssen wir ändern", forderte er. In der Realität böten sich schließlich vielversprechende Möglichkeiten: "Bei 130 Ausbildungsberufen ist für jeden etwas dabei", so Kahl. Handwerker würden immer gebraucht. "Was nützt uns eine große Schar Akademiker, wenn keiner einen Nagel in die Wand schlagen kann? Letztlich entsteht ein Haus nicht nur am Computer."

Buchholz will generell mehr junge Leute für eine duale Ausbildung zu begeistern. Auch solche ohne Abitur und Eins-A-Lebenslauf. 2017 waren ihm zufolge rund 10000 Menschen zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos gemeldet, zeitgleich blieben Ausbildungsplätze auch im Handwerk unbesetzt. Die Ideen des Politikers, dies zu ändern, dürften indes nicht allen Gästen des Empfangs geschmeckt haben."Sorgen Sie dafür, dass Modernität ins Handwerk einzieht", forderte er. Begriffen wie "Geselle" und "Jungmeister" bescheinigte er zwar eine lange Tradition, doch seien sie heute nicht mehr zeitgemäß; viele junge Menschen würden dadurch eher abgeschreckt.  Buchholz: "Sie können im Handwerk viel dazu tun, dass schon durch den Sprachgebrauch die Attraktivität gesteigert wird." Wenn moderne Laser-Technologie beispielsweise das Aufmaß eines Raums zuverlässig ermitteln könne, flöße ihm das mehr Vertrauen ein als die althergebrachte Methode. Zusammengefasst sagte Moderator Kock: "Tradition ist kein Geschäftsmodell."

Weitere Themen, die der Politiker Buchholz schließlich in einer lockeren Talkrunde ansprach, waren die Digitalisierung, die Auftragsvergabe und vor allem der Abbau von Bürokratie - beispielsweise bei der Dokumentation des Mindestlohns oder der Unternehmensnachfolge. Günther Stapelfeldt, Präsident der Handwerkskammer Lübeck,  betonte, bei rund einem Drittel aller Handwerksbetriebe landesweit sei Letztere ein relevantes Thema, und appellierte eindringlich: "Viele Inhaber müssen jetzt mit der Vorbereitung beginnen." Der Prozess der Übergabe dauere rund zehn Jahre, so Stapelfeldt: "Wenn sie 65 bis 70 Jahre alt sind, ist der Zug abgefahren!" Thorsten Freiberg, Präsident des Verbands Handwerk Schleswig-Holstein, forderte in diesem Rahmen weniger hohe bürokratische Hürden. "Wir brauchen junge Menschen, die ein unternehmerisches Risiko übernehmen wollen."

Im Festvortrag führte Professor Jan Christensen die Zuhörer in die Welt der Statistik - und wies anhand einiger kurios-interessanter Fälle nach, wie sehr so manche objektiv erscheinende Statistik, nimmt man sie einmal genauer unter die Lupe, in Wahrheit eine völlig andere, oft banale Information beinhaltet. 
Kammerpräsident Günther Stapelfeldt konnte auf dem Neujahrsempfang des Handwerks Mittelholstein eine besondere Ehrung vornehmen: Hans-Werner Gobetz, seines Zeichens Friseur, in Norderstedt, hatte am 13. Dezember 1967 in Hamburg die Meisterprüfung absolviert - nun erhielt er dafür, seit 50 Jahren ein Handwerksmeister zu sein, den Goldenen Meisterbrief. Im eigenen Betrieb bildete Gobetz insgesamt 42 Friseurinnen und Friseure aus. Er verkörpere eine Generation mit Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und hoher sozialer Kompetenz, so Stapelfeldt in seiner Laudatio: "Du hast nicht nur ein Stück Wirtschaftsgeschichte in Norderstedt, sondern durch deine ehrenamtliche Tätigkeit im gesamten Schleswig-Holstein geschrieben." 

Auf dem Empfang der Kreishandwerkerschaft zeigten sich auch die Landessieger im praktischen Leistungswettbewerb der Handwerksjugend in Schleswig-Holstein für das Jahr 2017. Zu ihnen zählt die Orthopädietechnik-Mechanikerin Maria Braune ( o.t.n. orthopädie.technik.nord gmbh), die Zweite Bundessiegerin und Erste Landessiegerin wurde. Die Augenoptikerin Julia Kahlcke (Fielmann AG) wurde Dritte Bundessiegerin und Erste Landessiegerin, dieselbe Platzierung erreichte der Maurer Philipp Wiesenthal (Schartner Bau). Der Schornsteinfeger Jens Horstmann (Schornsteinfegermeister Sven Horstmann) wurde Erster Landessieger, ebenso wie der Fliesen-, Platten- und Mosaikleger Florian-Paul Schütt (Bernd Nagel), die Elektronikerin Sabrina Münsterberg (Fritsche Netzwerktechnik GmbH) und der Brauer und Mälzer Carl Philipp Koch (Kerstin Lämmer Brau- und Mälzerbetrieb). Zweite Landessiegerin wurde die Friseurin Veronika Kamp ( Kirstin Kramer), die Bestattungsfachkraft Claas Pohlmann (Friedrich Pohlmann), 3. Landessieger der Fliesen-, Platten- und Mosaikleger Maximilian Thamm (Birgit Newe) und der Feinwerkmechaniker Max Schaefer (Thomas Kuchenbecker).